Radio Hamburg – a station of the Allied Military Government

Vor 70 Jahren: Radio Hamburg geht auf Sendung

Als Colonel Prince Lieven, Major Paul A. Findlay und Captain Herbert am 4. Mai 1945 gegen 10 Uhr vor dem Funkhaus des Reichssenders Hamburg im Stadtteil Rotherbaum vorfuhren, fanden sie es weitgehend unzerstört vor. Am Vorabend war Hamburg nach langwierigen Verhandlungen kampflos an die britischen Truppen übergeben worden. Diese hatten schon einige Tage südlich der Elbe ausgeharrt und machten sich nun zielstrebig daran, mit dem „Military Government Detachment 609 (Land / Region) Hansestadt Hamburg“ und beigeordneten Facheinheiten die Regierungs- und Verwaltungsgeschäfte sowie die Medienlandschaft in der Freien und Hansestadt zu übernehmen.

Anders als in anderen deutschen Großstädten, die einen Ableger der Reichsrundfunkgesellschaft (RRG) beherbergt hatten, waren die Büros, Studios und Sendeanlagen in Hamburg nicht ernstlich durch den Luftkrieg der vergangenen Jahre oder eben durch Häuserkämpfe und Sabotageakte abrückender Wehrmachts- oder SS-Einheiten kurz vor Kriegsende zerstört worden. Die neuen Hausherren der „Broadcasting Section“ in der vierten „Information Service Control Unit“ unter dem Dach der „Control Commission for Germany / British Element“ wurden sogar von einigen deutschen Sendetechnikern erwartet. Und so konnte das kleine britische Team bereits am Abend des 4. Mai 1945 den Sendebetrieb wieder aufnehmen – vier Tage vor der umfassenden und bedingungslosen Kapitulation ganz Deutschlands.

Tondokument: Senderkennung von „Radio Hamburg: A station of the Allied Military Government“ am 4. Mai 1945, 19 Uhr (bereitgestellt auf der Website des Norddeutschen Rundfunks). https://www.ndr.de/der_ndr/unternehmen/geschichte/audio34024.html

Tondokument: Senderkennung von „Radio Hamburg: A station of the Allied Military Government“ am 4. Mai 1945, 19 Uhr (bereitgestellt auf der Website des Norddeutschen Rundfunks). https://www.ndr.de/der_ndr/unternehmen/geschichte/audio34024.html

Um 19 Uhr meldete sich auf den Frequenzen des alten Reichssenders „Radio Hamburg: A station of the Allied Military Government“. Erster kommissarischer Leiter wurde Colonel Lieven, der wenig später vom nachgerückten Lieutenant Colonel Keith N.H. Thomson abgelöst wurde. Ziel der raschen Wiederinbetriebnahme des Senders war es zum einen, eine möglichst große Zahl der deutschen Bevölkerung über die zahlreichen Anordnungen der Besatzungsmacht zu informieren. Zum anderen aber galt die Aufmerksamkeit gerade zu Beginn der Besatzungszeit den zahlreichen Displaced Persons (DPs) im Sendegebiet. Folgerichtig bestand das Programm in den ersten Wochen aus einer vielsprachigen Mischung aus Anordnungen, Verfügungen, Ankündigungen und Programmübernahmen von Radio Luxemburg und vom deutschsprachigen Dienst der BBC mit ausgesuchten Weltnachrichten.

Nachdem sich die „Broadcast Unit“ im Verlauf des Mai mit weiteren Männern wie Alexander Maaß oder Walter Everitt (geb. Walter A. Eberstadt) personell verstärkt, institutionell etabliert und redaktionell eingespielt hatte, produzierte sie in bescheidenem Umfang auch erste eigene Sendungen. Maaß und Everitt waren wenige Jahre zuvor aus Deutschland geflohen, um der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime zu entgehen. Nun kehrten sie in britischer Uniform als vollwertige Besatzungsoffiziere zurück. Um das Programm auszuweiten und um den Gedanken der Re-education zu fördern, war es allerdings unumgänglich, bald auch deutschsprachige Mitarbeiter zu gewinnen, die während des Krieges in Deutschland geblieben waren.

„Nun endlich können wir reden. Ich jedenfalls möchte sprechen, zu meinesgleichen.“

Axel Eggebrecht und Peter von Zahn, die ab Juli 1945 Mitarbeiter von Radio Hamburg wurden und bald dessen journalistisches Profil maßgeblich schärften, hatten sich mit einen Bündel an Ideen und Themen für neue Sendungen selbst an den neuen Sender gewandt. Die Vorstellungsgespräche bei einem zunächst betont skeptischen, dann aber sehr aufgeschlossenen Captain Everitt werden in den jeweiligen Memoiren geschildert. Die Motivation jener Deutschen, die bis zum Herbst 1945 nach Hamburg kamen, um für den britisch kontrollierten Hörfunk zu arbeiten, zeigt sich verdichtet in den Worten, die Axel Eggebrecht bei seinem Vorstellungsgespräch bei Walter Everitt gefunden haben will:

Wir haben nicht genug getan, als es noch möglich war, Hitler aufzuhalten. Nachher war es zu spät. Wir konnten nur noch erbittert beobachten, wie es in den Abgrund ging. Wir mußten schweigen. Nun endlich können wir reden. Ich jedenfalls möchte sprechen, zu meinesgleichen. Und, das ist wichtiger, zu den vielen, die meinen, die Welt sei zu Ende. Dabei wird sie doch gerade neu geboren!

(Eggebrecht, Der halbe Weg, S. 320).

Und in der Tat war die Atmosphäre bei Radio Hamburg im Sommer 1945 von beherzter Improvisation, und einem trotz aller Sorgen und Nachkriegskrisen nahezu euphorischen Gefühl des Aufbruchs geprägt. Dies kam den britischen Vorstellungen zur Einbindung deutscher Mitarbeitern für die anstehenden Anstrengungen zur Vermittlung demokratischer Werte über die Massenmedien sehr entgegen. Entsprechend wenig autoritär mussten die Controller bei der Prüfung bzw. Zensur der zur Sendung vorgesehenen Beiträge auftreten. Die eigentliche Re-education als tendenziell monologisierende Form der politischen Umerziehung sollte dem deutschen Programm der BBC vorbehalten bleiben.  Hingegen bestand die Kernaufgabe des NWDR darin, eine eigene, neue „tradition in German broadcasting“ zu begründen und hierfür eine möglichst breite Hörerschaft zu gewinnen.

Von Radio Hamburg zum Nordwestdeutschen Rundfunk

In Köln, das wie Hamburg auf eine Tradition als Rundfunkstadt verweisen konnte, wurde seit dem Sommer 1945 mit Hochdruck an der Wiedereröffnung des im Rheinland schmerzlich vermissten Funkhauses gearbeitet. Das Funkhaus in der Dagobertstraße befand sich inmitten einer Trümmerwüste und hatte 1943 selbst einen direkten Bombentreffer erhalten. Ende September 1945 konnten nach einer Instandsetzung von dort bereits wieder erste in Köln sowohl für das Gesamtprogramm, als auch für die Region produzierte Sendungen ausgestrahlt werden.

Etwa zur gleichen Zeit wurde Keith Thomson von Ralph Poston als Chief Controller in Hamburg abgelöst. Unter seiner Leitung etablierte sich der nun Nordwestdeutscher Rundfunk (NWDR) genannte Radioveranstalter als gesamtzonale Hörfunkanstalt. Die zerstörten Sendeanlagen wurden nach und nach instand gesetzt, die Produktion von Eigenprogrammen in Hamburg, Köln und ab April 1946 auch in Berlin systematisch ausgeweitet und professionalisiert. Der NWDR konnte binnen kurzer Frist für den weiteren Verlauf seiner Existenz in nahezu allen Sparten des Programms mit qualitativ ansprechenden Angeboten aufwarten. Als größte und finanzstärkste Sendeanstalt in den westlichen Besatzungszonen hatte der NWDR allerdings auch eine privilegierte Ausgangsbasis.

Hugh Carleton Greene als Glücksfall

Nach dem Ausscheiden Ralph Postons aus dem Militärdienst im Sommer 1946 übernahm Rex Palmer den Posten des Chief Controllers, wurde jedoch nach kurzer Zeit schon wieder abberufen. Von umso herausragender Bedeutung ist der Amtsantritt Hugh Carleton Greenes am 1. Oktober 1946. Greene gelang es – mehr noch als seinen Vorgängern – das journalistische Profil des NWDR zu schärfen und diesen zum führenden Sender in Deutschland zu entwickeln. Er erwies sich in vieler Hinsicht als Glückfall für die weitere Entwicklung des NWDR. Dabei konnte er auf seine reichhaltigen Erfahrungen als ehemaliger Deutschland-Korrespondent vor dem Krieg und als Leiter des deutschsprachigen Dienstes der BBC während des Krieges zurückgreifen.

Greenes Aufgabe war es, dem NWDR, der bislang allein auf Basis von Anordnungen der britischen Besatzungsmacht operierte, „einen legalen Status zu geben, ihn mit dem politischen Leben im Nachkriegs-Deutschland zu verflechten und die bereits geschaffene Tradition der Freiheit und der Unabhängigkeit zu vertiefen und weiter zu fördern“ und sich – wie er in den Memoiren schreibt – dabei letztlich „überflüssig zu machen“. Ab 1947 intensivierten sich die Vorbereitungen für die Übergabe des NWDR in deutsche Hände. Kern der Bemühungen war die dauerhafte Sicherung der Unabhängigkeit des neuen deutschen Rundfunks nach Aufhebung des Besatzungs-Sonderrechts.

Rechtliche Grundlage für die Überführung des NWDR aus britischer Hoheit in deutsche Hände war schließlich die Militärregierungs-Verordnung Nr. 118, die zum 1. Januar 1948 den Status des NWDR als deutsche Anstalt des öffentlichen Rechts besiegelte. Damit war eine Rechtsform gefunden worden, die einerseits Staatsferne und Unabhängigkeit sicherte und andererseits die Verankerung in der deutschen Gesellschaft aber auch eine gewisse Kontrolle über Aufsichtsgremien gewährleistete. Der Wandel vom Sender der „alliierten Militärregierung“, zu einer „deutsche[n] Institution, die nur unter englischer Kontrolle steht“ (Alexander Maaß, 1946), bis hin zu einer deutschen Rundfunkanstalt öffentlichen Rechts vollzog sich in einem Zeitraum von gerade einmal dreieinhalb Jahren.

Grimme und der Einfluss der Parteien

Im März 1948 wurde Greene dann von dem inzwischen gebildeten deutschen Verwaltungsrat zum ersten Generaldirektor des NWDR gewählt. Auf diese Weise blieb der Einfluss der Besatzungsmacht über die formell in die Unabhängigkeit entlassene Anstalt noch einige Monate bestehen. Und doch sucht dieser Vorgang seinesgleichen: Schließlich war aus dem britischen Chief Controller ein gegenüber einem deutschen Gremium rechenschaftspflichtiger Generaldirektor geworden. Am 15. November 1948 trat dann mit Adolf Grimme der erste Deutsche das Amt des Generaldirektors an. In dessen Amtszeit wurden das Programmangebot des NWDR und die technische Reichweite dieser Angebote massiv erweitert. Zugleich ist sein Wirken von zahlreichen Versuchen der parteipolitischen Einflussnahme auf Aufsichtsgremien, Personalpolitik und letztlich auf das Programm gekennzeichnet. Grimme stand den drängenden aber illegitimen Forderungen der Politik weitgehend hilflos gegenüber. So war er der erste und zugleich letzte deutsche Generaldirektor des NWDR – er stand der Anstalt bis zu ihrer von der deutschen Politik forcierten Aufteilung in WDR und NDR zum Jahresende 1955 vor.

Resümee

Das von den Alliierten verfolgte Ziel, eine neue deutsche Rundfunkinfrastruktur zu errichten, hatte letztlich durchaus Erfolg. Die neu errichteten Sendeanstalten blieben auch nach Ende der alliierten Rundfunkkontrolle und trotz landes- und parteipolitisch motivierter Modifikationen grundsätzlich erhalten. Allerdings übernahm die deutsche Seite die medienpolitischen und journalistischen Ideale der Sieger nicht einfach, sondern glich diese in einem komplexen, durchaus konfrontativen und langwierigen Lernprozess mit eigenen Erfahrungen und Rundfunktraditionen ab; nicht zuletzt auch durch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit eigenen professionellen Ansprüchen und den Erwartungen der Hörer, der Politik und anderer gesellschaftlicher Akteure.

 

Weiterführende Literatur

Heinz-Günter Deiters, Fenster zur Welt. 50 Jahre Rundfunk in Norddeutschland, Hamburg 1973, S. 164-165.

Walter Albert Eberstadt, Whence We Came, Where We Went. From the Rhine to the Main to the Elbe, from the Thames to the Hudson. A Family History. New York 2002.

Axel Eggebrecht, Der halbe Weg. Zwischenbilanz einer Epoche, Reinbek bei Hamburg 1975.

Hugh Carleton Greene, Der Wiederaufbau des deutschen Rundfunks, in: Ders., Entscheidung und Verantwortung. Perspektiven des Rundfunks, Hamburg 1970, S. 46-47.

Joachim Görgen, Der britische Einfluß auf den deutschen Rundfunk 1945-1948, Berlin 1983.

Peter von Rüden/Hans-Ulrich Wagner (Hg.): Die Geschichte des Nordwestdeutschen Rundfunks, Hamburg 2005.

Hans-Ulrich Wagner (Hg.): Die Geschichte des Nordwestdeutschen Rundfunks. Band 2, Hamburg 2008.

Hans-Ulrich Wagner, Der erste Hamburger Nachkriegssender geht „on air“. Ein Beitrag zur Reihe „NDR Geschichte(n)“ auf der NDR-Website, 21.01.2014.

Peter von Zahn, Stimme der ersten Stunde. Erinnerungen 1913-1951, Stuttgart 1991.

 

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