Sendeschluss für „Lord Haw-Haw“

Vor 70 Jahren, am 30. April 1945 war Schluss. Im Hamburger Hotel „Vier Jahreszeiten“ wurde die letzte Ausgabe der speziell an britische Hörer gerichteten deutschen Propagandasendung „Germany Calling“ mit William Joyce aufgezeichnet und am Abend über die noch intakten Kurzwellen-Sendeanlagen des Reichssenders Hamburg ausgestrahlt.

Eine einigermaßen bizarre Angelegenheit, denn der hörbar schwer angetrunkene und demoralisierte Joyce bemühte sich im Angesicht der sicheren militärischen Niederlage noch ein letztes Mal die britische Hörerschaft von der Überlegenheit der nationalsozialistischen Idee und der Notwendigkeit eines gemeinsamen Feldzugs gegen die Sowjetunion zu überzeugen.

William Joyce, ein britischer Faschist mit irisch-US-amerikanischen Wurzeln, agierte seit dem Sommer 1939 im Goebbels‘schen Propagandaapparat, um ab Herbst die britischen Kriegsanstrengungen mit den Mitteln der Rundfunkpropaganda zu unterminieren. Neben William Joyce waren etwa auch Wolf Mittler und Norman Baillie-Stewart als Sprecher der Reihe „Germany Calling“ zu hören gewesen. Deren karikierend gedachte Imitation des englischen Upper Class-Akzents führte in England zum kollektiven Spitznamen des affektiert sprechenden „Lord Haw-Haw“, den sich vor allem Joyce bald zu Eigen machte.

Seine bissigen und zynischen Anwürfe gegen das Handeln der britischen Regierung im Zweiten Weltkrieg und seine Begeisterung für das nationalsozialistische Deutschland erreichten in Großbritannien im Mittel tatsächlich eine sehr beträchtliche Hörerzahl. Dies lag allerdings weniger an der Überzeugungskraft seiner Argumentation, als am provokanten Charakter der Sendung, die der Berichterstattung der britischen Medien eine offenkundig manipulative Gegenversion zur Seite stellte und so immerhin alles andere als langweilig war. Auch die Praxis, die Namen englischer Kriegsgefangenen anzuführen, was deren Verbleib nachvollziehbar machte, dürfte manche Briten zum Einschalten bewogen haben.

Die letzte Ansprache am Tag von Hitlers Selbstmord schloss Joyce mit einem kläglich-trotzigen „Es lebe Deutschland! – ‚Heil Hitler‘ and farewell!“. Diese Sendung ist auf der Website der BBC nachzuhören, die auch weitere Tonbeispiele und Informationen bereit hält.

Nach der Aufzeichnung setzte sich Joyce mit seiner Ehefrau nach Norden ab, um den heranrückenden alliierten Truppen zu entgehen. Noch im Mai 1945 wurde das Paar jedoch in der Nähe von Flensburg von einem in Berlin geborenen, jüdischen Soldaten der britischen Armee gestellt und verhaftet. Am 3. Januar 1946 wurde Joyce schließlich im Londoner Gefängnis Wandsworth als Verräter hingerichtet.

Weiterführende Literatur

John A. Cole, Lord Haw-Haw – and William Jocye. The Full Story, London 1964 (dt. Ausgabe: Wien/Hamburg 1965).

Mary Kenny, Germany Calling. A Personal Biography of William Joyce, „Lord Haw-Haw“, Dublin 2003.

Isabell Otto, „Such A Sincere, Patriotic Voice“. Lord Haw-Haw, Kate Smith und die Intimität des Radios, in: Irmela Schneider/Cornelia Epping-Jäger (Hg.): Dispositive Ordnungen im Umbau, Bielefeld 2008 (= Formationen der Mediennutzung; Bd. 3) , S. 43–62.

Francis Selwyn, Hitler’s Englishman: the crime of Lord Haw-Haw, London  1987.

 

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