Neue Vielfalt in historischer Perspektive: Konferenz über Medienpluralität und -konkurrenz

Vom 15. bis 17. Januar fand in Hamburg die Jahrestagung 2015 der Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) statt. Unter dem Titel „Neue Vielfalt. Medienpluralität und -konkurrenz in historischer Perspektive“ wurde unter anderem an den Start des kommerziellen, vulgo: privaten Rundfunks in der Bundesrepublik vor 30 Jahren erinnert und generell Fragen der quantitativen und qualitativen Vielfalt im Medienbereich erörtert. Als Gastgeber fungierte die zu Jahresbeginn umbenannte Forschungsstelle Mediengeschichte (bislang: Forschungsstelle Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland), einem Kooperationsprojekt des Hans-Bredow-Instituts für Medienforschung, der Universität Hamburg (Department Sprache Literatur Medien I) und des Norddeutschen Rundfunks. Im Rahmen der Tagung wurde mir der Nachwuchsförderpreis Kommunikationsgeschichte 2015 verliehen.

Neue Vielfalt

Neben den zwölf Vorträgen, die Einblicke in unterschiedlich weit gediehene Forschungsprojekte boten, gab es auch zwei Programmpunkte, die dem Austausch mit Zeitzeugen jenes „medienpolitischen Urknalls“ vorbehalten waren, der 1984 zur Einrichtung des dualen Rundfunksystems in der Bundesrepublik geführt hat. Bereits am Donnerstagabend war der erste Direktor der Hamburgischen Anstalt für neue Medien (HAM), Helmut Haeckel, in den Bibliotheksräumen des Hans-Bredow-Instituts zu Gast und stellte sich den Fragen Hans-Ulrich Wagners, dem Leiter der Forschungsstelle Mediengeschichte. Haeckel erinnerte sich in bemerkenswerter Klarheit und mit viel Witz an die medienpolitischen Umstände der Einführung privater Hörfunk- und Fernsehveranstalter insbesondere in Norddeutschland und an die Herausforderungen der Lizenzierungs- und Aufsichtsarbeit der von ihm maßgeblich aufgebauten und geprägten Landesmedienanstalt als Regulierungsbehörde. Zur Vorgeschichte gehörten nicht zuletzt auch die landes- und medienpolitischen Querelen um den Norddeutschen Rundfunk in den Jahren 1977-1980, einschließlich der Kündigung des NDR-Staatsvertrags durch das Land Schleswig-Holstein 1978, die Haeckel als mit Medienpolitik betrauter Regierungsdirektor in der Hamburger Senatskanzlei miterlebte und -gestaltete. Am Freitagabend wiederum wurde im Abaton-Kino ein Fernsehbeitrag des NDR aus dem Jahre 1985 vorgeführt, der die Entstehung von Sat.1 in Hamburg – genauer die Entstehung des damaligen Nachrichtenlieferanten „Aktuell Presse Fernsehen“ (APF) – skeptisch, aber doch respektvoll begleitete. Anschließend stand neben dem Autoren dieses Beitrags, dem langjährigen NDR-Fernsehredakteur Hans-Jürgen Börner, auch der damalige Chefredakteur von APF-Blick und spätere SAT.1-Chefmoderator, Armin Halle, Rede und Antwort. Moderiert wurde diese Veranstaltung von Volker Reißmann vom virtuellen Film- und Fernsehmuseum Hamburg.

Das weitere wissenschaftliche Programm der Tagung widmete sich ganz unterschiedlichen Facetten medialer Vielfalt im Verlauf des 20. Jahrhunderts – ob nun im Hinblick auf die quantitative oder qualitative Vielfalt von Medieninstitutionen, die Struktur des Medienensembles, die jeweilige Bedeutung von Medienschaffenden oder die Pluralität von Medieninhalten. Jürgen Wilke, Emeritus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und ein Doyen der Medien- und Kommunikationsgeschichtsforschung, unternahm es, in seinem Auftaktvortrag die historischen Determinanten der Pluralisierung von Medienangeboten zu ergründen. Auswirkungen auf die Medienvielfalt hätten demnach folgende fünf Dimensionen: (medien)technische, ökonomische, professionelle, gesellschaftliche sowie politisch-rechtliche Entwicklungen. Diese – gewissermaßen klassisch strukturgeschichtlichen – Determinanten wirkten selten isoliert, sondern in aller Regel im Verbund. Thomas Birkner (Münster/München) lenkte in seinem Vortrag über Helmut Schmidts skeptischer Haltung gegenüber Vorstellungen zur Einführung des Privatfernsehens wiederum den Blick auf den individuellen Einfluss bestimmter Persönlichkeiten bzw. Akteure auf den Lauf der Mediengeschichte. Schmidt habe sich im Verlauf seiner politischen Karriere immer wieder auf wohlwollende Berichte in den bundesdeutschen Massenmedien und das im Zuge der katastrophalen Sturmflut 1962 von Journalisten verliehene Macher-Image stützen können; gleichwohl habe er stets eine kritische Haltung, insbesondere gegenüber dem Fernsehen eingenommen. Insofern wandte er sich konsequenterweise gegen die Zulassung kommerzieller Anbieter, weil er von diesen eine weitere, der Demokratie abträgliche Verflachung befürchte. In der Diskussion wurde vor allem erörtert, inwiefern Schmidts – gerne über Printmedien öffentlich artikulierte – Fernsehkritik nicht auch Ausdruck eines intellektuellen Selbstinszenierungsversuchs war.

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Foto: H.-U. Wagner

Im nachfolgenden Panel wurde die Bedeutung von Konkurrenz und Pluralität für die Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland und der DDR erörtert. In meinem eigenen Vortrag sprach ich über vermeintlich „illegitime“ Impulsgeber der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik und Großbritanniens im asymmetrischen Wettbewerb mit ausländischen Programmanbietern. Sigrun Lehnert (Hamburg) verglich die inhaltliche und audiovisuelle Gestalt von Kinowochenschauen und informativen Fernsehsendungen in den 1950er Jahren. Susanne Vollberg (Halle-Wittenberg) stellte die Ergebnisse einer Untersuchung zum zweiten Programm des DDR-Fernsehens vor, das als Reaktion auf den Einfluss des Westfernsehens frühzeitig als Farbprogramm konzipiert wurde, aber aufgrund der vorgesehenen Sendungen dennoch stets mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen hatte. Alle Vorträge hoben auf die Effekte inter- oder transmedialer Wettbewerbssituationen ab, die jeweils Veränderungen in der Programmgestaltung begünstigt haben.

Christian Herzog (Lüneburg) und Jörg Hagenah (Köln) nahmen in ihren Vorträgen dann wieder explizit die Einführung des dualen Rundfunksystems in den Blick. Herzog untersuchte die Rolle des damaligen Postministers, Christian Schwarz-Schilling, und des Vorsitzenden der Kommission für den Ausbau des technischen Kommunikationssystems (KtK), Eberhard Witte, bei der Anbahnung des privaten Rundfunks in der Bundesrepublik. Beide hätten das duale System forciert. Strittig blieb in der Diskussion, inwiefern Wittes Anmerkung, die Fernsehprivatisierung sei ein Nebenprodukt auf dem Wege zur großen Postreform gewesen, Glauben zu schenken sei. Noch auszuwerten bleibt überdies der Vorlass Christian Schwarz-Schillings im Archiv für Christlich-Demokratische Politik. Hagenah wiederum stellte höchst verdienstvolle, aber auch reichlich komplexe Datensätze vor, welche die Formatentwicklung bzw. die Formatierung des (west)deutschen Hörfunkprogramms seit der Einführung des dualen Systems statistisch erfassen und nachvollziehbar machen. Nachfragen ergaben sich hier etwa zur Kategorienbildung.

Am Samstagmorgen gab Patrick Merzinger (Leipzig) einen Einblick in ein Forschungsvorhaben im Bereich der populären Presse um 1900. Da das Projekt noch in einem frühen Stadium ist, stellte Merzinger insbesondere das Material, sogenannte Criminalillustrierte und pikante Witzblätter – die damals als Schmutz- und Schundschriften verschrien waren – vor. Zugleich gab er erste kulturhistorische Einordnungen und Einschätzungen zur visuellen Sprache dieser Publikationen ab, die als Quellen bislang noch zu wenig ausgewertet worden seien. Eine stärker theoretisch interessierte Präsentation hielten dann Christian Schwarzenegger und Thorsten Naab (Augsburg). Beide unterzogen einige klassische medienhistorische Erklärungsangebote, etwa die vermeintliche Abfolge bestimmter Mediengenerationen (i.e. Alterskohorten, die angeblich durch das in ihrer Jugend dominierende Medium nachhaltig geprägt seien), einer kritischen Überprüfung und machten dabei auf empirische Ungereimtheiten aufmerksam. Eine systematische Überprüfung gängiger Erklärungsmuster, wie sie hier exemplarisch angemahnt wurde, stieß in der Diskussion auf großes Interesse. Hier kann die Geschichtswissenschaft der historisch interessierten Kommunikationswissenschaft möglicherweise noch einige Impulse geben. Dies mag auch für den Vortrag von Nicole Gonser gelten, die auf Basis von Zeitzeugeninterviews den Umgang mit dem Hinzutreten kommerzieller Fernsehprogramme in den 1980er Jahren ergründen wollte. In der Diskussion wurde jedoch kritisch angemerkt, dass die mehr als 20 Jahre später geführten Interviews möglicherweise eher gegenwärtige – und sozial erwünscht kritische? – Einstellungen zum Privatfernsehen zutage förderten. Zu den Veränderungen der Mediennutzungsroutinen in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre besteht gleichwohl Forschungsbedarf. Lohnend dürfte hier u.a. eine Untersuchung der damaligen Begleitforschung und der dabei gewonnen Erkenntnisse sein.

Die Veränderungen struktureller und inhaltlicher Vielfalt in der deutschen Fernsehlandschaft hatte Steffen Kolb (Berlin) in seinem Beitrag im Blick und diagnostizierte einen Verlust an gesellschaftlich relevanter Fernsehpublizistik an Vor- und Nachmittagen zwischen 1998 und 2011. Zugleich verwies er aber auch auf methodische Schwierigkeiten im Hinblick auf die tatsächliche Aussagekraft und erst recht der Vergleichbarkeit gängiger Vielfaltsindizes. Maria Karidi (München) stellte zum Abschluss die Erkenntnisse einer mit Michael Meyen durchgeführten Studie zu den Veränderungen der Nachrichtenberichterstattung in der deutschen Tagespresse zwischen 1984 und 2014 vor. Konstatiert wurde eine Zunahme an „Soft News“, Angstthemen und Servicebeiträgen, während der Umfang klassischer Politik- und Wirtschaftsberichterstattung rückläufig sei. Deutlich wurde, dass solche bisweilen gerne kulturpessimistisch ausgedeuteten Entwicklungen, einer differenzierten Erläuterung bedürfen; beispielsweise müssen veränderte Erzählformen auch als Ergebnis einer stärkeren Zielgruppenorientierung ernstgenommen werden, wie in der Diskussion nochmals unterstrichen wurde.

Insgesamt bot die Tagung eine Fülle unterschiedlicher Perspektiven auf Fragen der Medienvielfalt. Die Verknüpfung dieser Stränge fiel nicht immer leicht. Deutlich wurde vor allem, wie komplex Phänomene medialer Pluralität und Konkurrenz jeweils sind und dass sich diese einfachen Forschungszugriffen und Deutungen verweigern. Neben strukturellen Determinanten, wie sie Wilke vorgestellte, sind nicht zuletzt Motive, Intentionen, Kontexte und Handlungen individueller Akteure bedeutsam. Zugleich, so verdeutlichten verschiedene Vorträge und Diskussionen, sollten inter- oder transmediale Bezüge sowie ggf. nationsübergreifende Dimensionen bei entsprechenden Studien sinnvollerweise noch systematischer Berücksichtigung finden, als dies bislang der Fall ist.

UP-DATE Juni 2016:

Verschiedene Vorträge der Tagung sind inzwischen auch als Video zugänglich über das „Lecture2Go“-Programm der Universität Hamburg.

 

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