Gewinner und Verlierer (in) der Geschichte

In der kommenden Woche, zwischen dem 23. und 26. September, findet in Göttingen der 50. Deutsche Historikertag statt. Heute Morgen war im Deutschlandfunk gewissermaßen zur Einstimmung bereits die Berliner Historikerin Ute Frevert zu hören, die im Interview (mp3) einige Einschätzungen zu den aktuell in der deutschen Geschichtswissenschaft verhandelten Themen und Thesen zu Besten gab.

Oberthema des anstehenden Großkongresses ist der vordergründig vielleicht plakative, bei genauerem Hinsehen aber sehr produktive Dualismus „Gewinner und Verlierer“; ein binäres beziehungsweise dialektisches Begriffspaar, das zum Kernbestand des dramaturgiebewussten Erzählens und der pointierten Interpretation historischer Ereignisse gehört. Auch Klio dichtet, wie Hayden White einst klarstellte. Historisches Geschehen wird durch seine narrative Fassung und Deutung in (den) einen (oder anderen) Ereigniszusammenhang gestellt und macht erst dadurch für die Zeitgenossen und die Nachgeborenen (mehr oder weniger) Sinn. An den narrativen Grundmustern hat sich dabei seit der Antike kaum etwas verändert: So kommt etwa die Erzählung vom stolzen Helden nicht ohne einen Widerpart aus – den im Sinne einer Spannungskurve idealiter erst nach einigen Mühen bezwungenen Schurken. Sieger und Verlierer lassen sich in Entscheidungsprozessen der Politik, der Wirtschaft, des Sports, der Kultur oder vielleicht auch im Ringen mit dem inneren Schweinehund identifizieren.

Das populäre populistische Diktum, dass Geschichte immer nur aus der Perspektive des Siegers geschrieben werde, stimmt zumindest mit Blick auf die professionelle Geschichtswissenschaft nicht. Zweifel sind auch hinsichtlich der Binarität von Gewinner und Verlierer erlaubt – ist ein Sieg oder eine Niederlage zwangsläufig eindeutig, absolut und unumstößlich? Wohl kaum; schließlich finden sich zahlreiche Beispiele dafür, dass sich Niederlagen in (moralische) Siege verwandelten oder dass Sieger auf längere Sicht (wieder) zurückstecken mussten. Und auch die Deutung der Vergangenheit, die Zuweisung der Label Sieger oder Verlierer, variiert je nach Perspektive. Überdies können sich derartige Charakterisierungen und Interpretationen im Verlauf der Zeiten verändern. „In der Frage nach ‚Gewinnern und Verlierern‘ hängen Ereignisgeschichte und Deutungsgeschichte auf das Engste zusammen“, schreibt folgerichtig der Vorsitzende des veranstaltenden VHD, Martin Schulze Wessel, in einem Beitrag zum Motto des Historikertags für die Zeitschrift „Geschichte für heute“ (4/2014).

Die quellennahe Aufarbeitung des Geschehenen und dessen Deutung sind also die beiden Seiten ein und derselben Medaille. Sie bedürfen gleichermaßen der steten kritischen Überprüfung. Dementsprechend finden auch beide Dimensionen in den Sektionen des 50. Deutschen Historikertags ihren Widerhall (-> zum Programm). Das Spektrum der in den Sektionen behandelten Epochen, Themen, Perspektiven und Zugriffe ist wie immer enorm. Man darf gespannt sein, wie produktiv das Oberthema jeweils aufgegriffen wird.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s